Notfallhilfe für die Psyche: Akutplan für Teams

Lesedauer: 6 Minuten

Ein akuter psychischer Ausnahmezustand im Team fühlt sich für alle Beteiligten alarmierend an. Mit einem klaren, geübten Vorgehen lassen sich Sicherheit herstellen, Risiken besser einschätzen und wirksame Hilfe aktivieren. Dieser praxisnahe Akutplan zeigt, wie Kolleginnen, Führungskräfte und HR in den ersten Minuten strukturiert handeln, bis professionelle Unterstützung übernimmt.

Hinweis vorab: Bei akuter Eigen- oder Fremdgefährdung wählen Sie sofort 112. Dieser Leitfaden ersetzt keine medizinische oder therapeutische Behandlung.

Wann sprechen wir von einer psychischen Akutsituation im Arbeitskontext?

Typische Szenarien, in denen rasches Handeln sinnvoll ist:

  • Plötzliche Panikattacke mit Atemnot, Zittern, Schwindel
  • Starke emotionale Krise, etwa nach belastenden Nachrichten oder Konflikten
  • Suizidgedanken oder Aussagen über Todeswünsche
  • Realitätsfernes oder stark verwirrtes Verhalten, mögliche psychotische Symptome
  • Dissoziation, Blackout, nicht mehr ansprechbares Verhalten
  • Akute Intoxikation oder Entzugssymptome

Wichtig ist nicht die perfekte Diagnose, sondern eine schnelle, sichere Erstreaktion und die Aktivierung von Hilfe. Die Weltgesundheitsorganisation betont, dass klare Prozesse am Arbeitsplatz das Risiko für Eskalationen senken und Genesung fördern, wenn frühzeitig Unterstützung erfolgt. Quelle: WHO, Mental health at work

Der 4-Schritte-Akutplan für Teams

Der Plan ist so aufgebaut, dass er von jeder Person im Team angewandt werden kann. Drucken Sie ihn aus oder hinterlegen Sie ihn im Intranet, und üben Sie ihn in kurzen Team-Drills.

1. Absichern, dann ansprechen

  • Bringen Sie die Person, wenn möglich, an einen ruhigen Ort und bieten Sie Wasser und einen Sitzplatz an. Bitten Sie eine zweite Person, in Sichtweite zu bleiben.
  • Sprechen Sie klar und respektvoll: „Ich sehe, dass es dir gerade nicht gut geht. Ich bin hier und helfe dir. Wollen wir kurz in den Ruheraum gehen und gemeinsam durchatmen?“
  • Vermeiden Sie Bewertungen oder Ratschläge wie „Reiß dich zusammen“. Bleiben Sie kurz, konkret, wertschätzend.

2. Kurz stabilisieren, bis Hilfe übernimmt

  • Leiten Sie einfache, evidenznahe Stabilisierung an, wenn die Person einverstanden ist:
  • Benennen Sie, was Sie beobachten, und normalisieren Sie die Reaktion: „Dein Körper ist gerade im Alarmmodus, das ist eine Stressreaktion. Wir atmen jetzt gemeinsam 2 Minuten.“

3. Unterstützung aktivieren und Risiken einschätzen

  • Fragen Sie ruhig nach aktueller Sicherheit. Offene, direkte Fragen schützen eher, als dass sie schaden. Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention empfiehlt das direkte Ansprechen. Quelle: DGS
    • „Hast du gerade Gedanken, dir etwas anzutun?“
    • „Gibt es einen konkreten Plan oder Mittel, die du nutzen würdest?“
  • Je nach Antwort entscheiden Sie über die Eskalation, siehe Matrix unten. Bieten Sie aktiv an, Telefonate mitzuführen.
  • Aktivieren Sie je nach Lage eine professionelle Anlaufstelle:
    • Notruf 112 bei akuter Gefahr
    • Ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117 außerhalb der Praxiszeiten
    • Rund um die Uhr, anonym: TelefonSeelsorge 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123

4. Transfer und Nachsorge

  • Lassen Sie die Person nicht allein, organisieren Sie sichere Begleitung nach Hause, zur Hausärztin oder in die Klinik, wenn nötig. Dokumentieren Sie sachlich nur das Nötigste für interne Akutmeldungen.
  • Vereinbaren Sie eine kurze Nachbesprechung innerhalb von 24 bis 72 Stunden. Halten Sie Arbeitsumfang, Erreichbarkeit und Schutzmaßnahmen bis dahin bewusst schlank.
  • Unterstützen Sie den schnellen Zugang zu professioneller Beratung, zum Beispiel über Mindvise mit Termin innerhalb von 48 Stunden.

Zwei Kolleginnen sitzen in einem ruhigen Besprechungsraum. Eine Person unterstützt die andere bei einer Atemübung, beide halten eine Tasse Wasser. Auf dem Tisch liegt eine kleine Karte mit einem 4-Schritte-Akutplan. Das Setting zeigt Empathie und Sicherheit im Unternehmenskontext.

Akute Situationen im Schnelldurchlauf

Im Akutfall hilft ein prägnantes Vorgehen mit klarer Sprache.

Panikattacke

  • „Du bist hier in Sicherheit. Panik ist sehr intensiv, geht aber wieder vorbei. Lass uns 4-7-8 atmen.“
  • Nach 2 bis 3 Minuten Erdung per 5-4-3-2-1. Danach Wasser trinken, langsam aufstehen, kurze Bewegung, frische Luft.
  • Bei Brustschmerz, Taubheit, Kreislaufkollaps oder Vorerkrankungen ärztlich abklären, 116 117 oder 112.

Suizidgedanken

  • Direkt fragen, ruhig bleiben, keine Diskussion über Gründe. „Danke, dass du es sagst. Wir holen jetzt Unterstützung.“
  • Kein Alleinlassen. Bei konkretem Plan oder unmittelbarer Gefahr sofort 112. Sonst TelefonSeelsorge oder 116 117 anrufen und gemeinsam das weitere Vorgehen klären. Übergabe an Vertrauensperson sicherstellen.

Verwirrtheit, Realitätsverlust, starke Desorientierung

  • Reize reduzieren, ruhig, langsam sprechen, Orientierungspunkte anbieten: Zeit, Ort, Begleitung. Keine Konfrontation mit Inhalten.
  • Ärztliche Abklärung veranlassen, 116 117, bei Gefahr 112. Begleitung organisieren.

Akute Trauer oder Trigger nach belastender Nachricht

  • Raum geben, Taschentücher, Wasser, kurze Atemhilfe, nonverbale Präsenz. „Ich bleibe hier. Sag Bescheid, was du brauchst.“
  • Termine umplanen, sichere Begleitung nach Hause oder zu vertrauten Personen anbieten. In den Folgetagen Check-in organisieren.

Eskalationsmatrix für Teams

Situation Warnsignale Erste Schritte Eskalation
Stabil, keine Hinweise auf Selbst- oder Fremdgefährdung Starke Emotion, Panik, aber ansprechbar, kann mitatmen Ruhiger Ort, Atem- und Erdungsübungen, Wasser, kurze Pause Innerhalb 24 bis 72 Stunden fachliche Beratung anbieten, z. B. Mindvise; interne Meldung an HR nach Absprache
Unsicher, unklare Lage Vage Andeutungen von Hoffnungslosigkeit, wechselnde Aussagen Direkt nach Suizidgedanken fragen, Stabilisierung, Vertrauensperson hinzuziehen TelefonSeelsorge anrufen oder 116 117, HR informieren, kurzfristige Fachberatung vereinbaren
Akute Gefahr Konkreter Plan, Mittel vorhanden, extreme Desorientierung, Fremdgefährdung Keine Diskussion, Person nicht allein lassen, Umfeld sichern Sofort 112, Übergabe an Rettungsdienst, sachliche Kurz-Dokumentation für HR

Die strukturierte Beobachtung und einheitliche Sprache reduzieren Fehler. Für systematisches Erkennen früher Warnzeichen im Arbeitsalltag finden Sie bei Mindvise einen Leitfaden mit Gesprächsleitfaden und Ampelmodell, siehe Psychische Belastung am Arbeitsplatz: Frühsignale erkennen.

Sprache, die in Krisen hilft, und was Sie vermeiden sollten

  • Sagen Sie: „Ich bin da. Wir atmen gleichmäßig. Wir schaffen das Schritt für Schritt.“
  • Fragen Sie konkret: „Was würde dir jetzt helfen? Möchtest du, dass ich jemanden anrufe?“
  • Vermeiden Sie: Verharmlosen, Ratschläge aus Reflex, lange Erklärungen, Schuldzuweisungen.
  • Halten Sie Pausen aus. Stille ist oft entlastender als viele Worte.

Remote und Hybrid: Besonderheiten im Homeoffice

  • Rufen Sie die Person an, Kamera nur nach Zustimmung. Öffentliche Chatkanäle meiden, 1:1 kommunizieren.
  • Fragen Sie nach Standort und ob jemand in der Nähe ist. Wenn unmittelbare Gefahr besteht und die Person auflegt, rufen Sie 112 und nennen Sie den bekannten Standort.
  • Bieten Sie einen virtuellen Co-Regulationsraum an, etwa 10 Minuten Atem- und Erdungsübungen. Organisieren Sie digitale Nachsorge, zum Beispiel einen kurzen Check-in am nächsten Tag.

Rollen und Verantwortlichkeiten im Unternehmen

  • Kolleginnen und Kollegen: ruhig bleiben, erste Stabilisierung, sichere Begleitung, Übergabe an Führungskraft oder HR.
  • Führungskräfte: entscheiden über Eskalation, Arbeitsschutzmaßnahmen, temporäre Entlastung, Nachsorge einleiten.
  • HR: koordiniert externe Hilfe, dokumentiert minimal erforderlich, achtet auf Datenschutz und Arbeitsschutzrecht, wertet anonymisierte Muster aus.

Rechtlicher Rahmen in Deutschland: Arbeitgeber haben eine Fürsorgepflicht und müssen psychische Belastungen im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigen, siehe BMAS, Psychische Belastungen. Gesundheitsdaten der einzelnen Person bleiben vertraulich, es gilt das Prinzip der Datensparsamkeit.

Vorbereitung ist die halbe Notfallhilfe

Bauen Sie einen kleinen Krisenkoffer für die Psyche, der jederzeit griffbereit ist.

  • Kontaktblatt mit 112, 116 117 und TelefonSeelsorge
  • Interne Ansprechpersonen und Stellvertretungen, Erreichbarkeit außerhalb von Meetings
  • Ruheraum, Wasser, Taschentücher, Decke
  • Kurz-Anleitung Atem- und Erdungsübungen mit QR-Links, zum Beispiel die Mindvise Anleitungen zur 5-4-3-2-1 Übung und zur 4-7-8 Atemtechnik
  • Klare Kommunikationsbausteine, die im Team vereinbart und geübt werden

Für eine tiefergehende Ersthelferkompetenz lohnt sich ein zertifiziertes Training wie MHFA Ersthelfer.

Ein einfacher Vier-Schritte-Flow mit den Stationen Absichern, Stabilisieren, Unterstützung aktivieren, Transfer und Nachsorge. Die Kästchen sind minimalistisch dargestellt und durch Pfeile verbunden, als Poster-Entwurf für das Büro.

Nachsorge, ohne zu stigmatisieren

  • Kurzcheck nach 24 bis 72 Stunden, freiwillig, respektvoll. „Wie geht es dir heute, was brauchst du für diese Woche?“
  • Arbeitslast priorisieren, Meetings reduzieren, Fokuszeiten schützen, klare Grenzen bei Erreichbarkeit.
  • Ressourcen aktivieren, zum Beispiel die Übung aus dem Mindvise Beitrag Meine Ressourcen.
  • Wenn Belastung anhält, schnelle Anbindung an professionelle Beratung. Viele Betroffene nehmen Hilfe eher an, wenn die Hürde niedrig und anonym ist.

Warum ein Akutplan wirkt

  • Klarheit senkt Stress und Entscheidungsfehler in den ersten Minuten.
  • Frühzeitige, niedrigschwellige Unterstützung reduziert Chronifizierung und Fehlzeiten. Internationale Leitlinien empfehlen arbeitsplatznahe Hilfe und klare Prozesse. Quelle: WHO, Mental health at work
  • Direkte Fragen zu Suizidgedanken erhöhen das Risiko nicht, sie schaffen Sicherheit und Zugang zu Hilfe. Quelle: Deutsche Gesellschaft für Suizidprophylaxe

Für strukturelle Prävention und Kennzahlen finden Sie vertiefende Impulse in unserem Leitfaden für HR sowie in Burnout-Prävention für Unternehmen.

FAQ

Woran erkenne ich, dass ich 112 rufen sollte? Lebensgefahr, konkrete Suizidabsicht mit Plan oder vorhandenen Mitteln, schwere Desorientierung, Fremdgefährdung, Kreislaufkollaps oder starke körperliche Beschwerden sind Gründe für 112.

Darf ich direkt nach Suizidgedanken fragen? Ja. Das direkte, ruhige Nachfragen ist ein Schutzfaktor und erhöht das Risiko nicht. Bleiben Sie wertschätzend und aktivieren Sie Hilfe.

Was ist mit Datenschutz und Dokumentation? Dokumentieren Sie nur das Notwendige für den Arbeitsschutz und die Koordination von Hilfe. Gesundheitsdaten sind besonders sensibel, sprechen Sie interne Schritte immer mit der betroffenen Person ab, wenn keine akute Gefahr vorliegt.

Wie reagiere ich bei Krisen im Homeoffice? Rufen Sie direkt an, klären Sie Standort und Sicherheit, bleiben Sie am Telefon. Bei Gefahr, 112. Vereinbaren Sie eine digitale Nachsorge.

Welche Unterstützung kann HR sofort anbieten? Terminpriorisierung für psychologische Beratung, Entlastung bei Aufgaben, flexible Arbeitszeiten, ruhige Arbeitsumgebung, klare Kommunikationsabsprachen.

Wie üben wir den Akutplan im Team, ohne Angst zu machen? Kurze 10-Minuten-Drills, Rollenkarten mit Sätzen, die helfen, und das Durchspielen der Eskalationsmatrix ein bis zwei Mal pro Quartal sind ausreichend.

So unterstützt Mindvise Ihr Unternehmen

Mindvise ist Ihr Mental Health Partner für Teams. Wir bieten schnelle, niedrigschwellige Hilfe und begleiten Sie beim Auf- und Ausbau eines belastbaren Systems.

  • 1:1 Onlinekonsultationen bei Psychologinnen und Therapeuten, Terminvergabe in der Regel innerhalb von 48 Stunden
  • Mehrsprachige Unterstützung und psychoedukative Inhalte im Self-Help Hub
  • Planung von Teamberatungen und maßgeschneiderte Lösungen für Ihr Unternehmen
  • HR Dashboard mit Nutzungsanalysen und anonymem Feedback, um Wirksamkeit und Bedarf datenschutzkonform im Blick zu behalten

Wenn Sie Ihren Akutplan einführen oder aktualisieren möchten, sprechen Sie uns an. Wir helfen Ihnen, schnelle Notfallhilfe für die Psyche mit verlässlichen Routinen zu verbinden, damit Mitarbeitende im Ernstfall nicht allein sind.

Zusätzliche Anlaufstellen in Deutschland: 112 bei akuter Gefahr, 116 117 Ärztlicher Bereitschaftsdienst, TelefonSeelsorge 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, auch per Chat und Mail.

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